Sonntag, 11. Januar 2015

An meine Leser

Den folgenden Text möchte ich ans Ende meiner Bücher stellen. Es ist ein kleines Dankeschön an meine Leser, ohne die das Schreiben sinnlos wäre.

An meine Leser
Wenn Sie diesen Text lesen, haben Sie mein Buch beendet. Ich danke Ihnen ganz herzlich für den Kauf meines Romans, aber mehr noch für Ihr Interesse, die Geschichte bis zum Schluss zu lesen. Aus über 3 Mio. Titeln auf dem deutschsprachigen Buchmarkt haben Sie meinen ausgewählt. Das erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit.
Wer schreibt, betritt eine andere Welt. Die Welt der Fantasie. Dort gelten andere Regeln als in der Wirklichkeit. Man könnte auch sagen: Die vertrauten Regeln verblassen wie im Traum. Wenn wir die Augen schließen und unsere Vorstellungskraft walten lassen, zerfließen die Grenzen der Realität. Wir schweben in der Schwerelosigkeit der Gedankenwelt und betrachten voller Erstaunen die Schätze auf dem tiefen Grund der Seele. Diese Welt ist die Quelle der Kreativität und der Ursprung kultureller Schöpfungskraft.
In der Sphäre der Gedanken gibt es keine Mauern, die uns den Weg versperren, und keine Schwerkraft, die uns bindet. Wir können an jeden Ort der Welt reisen, in die Zukunft oder Vergangenheit blicken, Gedanken lesen und mit Verstorbenen reden, zum Mond fliegen oder die Sonne umkreisen. In der Vorstellung ist nichts unmöglich, und nichts ist kostbarer als unsere Fähigkeit, die Grenzen der Realität kraft unserer Träume zu überwinden.
Autoren verbringen viel Zeit in der Welt der Gedanken. Die meisten sind in dieser besonderen Schwerelosigkeit aufgewachsen und fühlen sich im Universum der unbegrenzten Möglichkeiten heimisch. Sie sind darin geübt, den Ozean der Ideen hinabzutauchen und die Perlen aus dem Sand zu sieben. Autoren ordnen das Ungeordnete und begrenzen das Grenzenlose. Sie schaffen gangbare Pfade im Land der Fantasie.
Doch Autoren brauchen Leser, die gewillt sind, mit ihnen auf Reise zu gehen. Erst in der Fantasie des Lesers erwacht ein Text zum Leben. In diesem Augenblick erwecken Sie diese Zeilen aus einem todesähnlichen Schlaf. In Ihren Gedanken erhalten meine Worte eine Stimme. Und auf dieselbe Weise hauchten Sie meiner Geschichte Leben ein. Dieser Zauber ist nur möglich, wenn Autor und Leser zusammenfinden. Daher möchte ich Ihnen nochmals danken, dass Sie meinen Roman gelesen haben.
Simon Geraedts