Sonntag, 26. Oktober 2014

Vorwort zu den "Wächtern"

Seit meiner Jugend hat mich die Frage beschäftigt, was nach dem Tod mit uns geschieht, wohin wir gehen und was uns erwartet. Ich stellte mir einen großen Kreislauf vor, der alles in geordneten Bahnen hält. Inspiriert hat mich damals Goethes Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“, insbesondere die erste Strophe:
Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.
Ich entwickelte einen Weltentwurf, den ich immer wieder überarbeitete, bis mir alles stimmig erschien. Um eine spannende Geschichte daraus zu machen, überlegte ich mir, was diese Ordnung gefährden könnte. Mir schwebte eine dunkle Macht vor, die im Jenseits heraufzieht und das kosmische Gefüge zu vernichten droht. Ich erfand Hüter der Ordnung – die Wächter der Erinnerungen –, die der Bedrohung entgegentreten. Doch der wahre Held der Geschichte sollte ein unscheinbarer Junge aus unserer Welt sein, Kevin, der eine Kraft in sich trägt, von der er selbst nichts ahnt. Ihm habe ich einen Gefährten zur Seite gestellt, Daniel, aus dessen Sicht die Handlung erzählt wird. So wurde es die Geschichte einer besonderen Freundschaft, von der das Schicksal der Welt abhängt.
Sechs Jahre lang habe ich an dem Roman geschrieben und ließ mich beinah blind von seinem Zauber leiten. Wohin die Reise führen würde, wusste ich nicht. Die Geschichte hatte ihren eigenen Willen, als wäre sie gar nicht von mir. Die Figuren entwickelten ein Eigenleben, das sich bald meiner Kontrolle entzog. Es gab kein vorgefertigtes Plotschema. Nur den tiefen Ozean der Gedanken, auf dessen Grund die Ideen wie Juwelen glitzerten. Ich musste mir nur die schönsten heraussuchen und an die Oberfläche befördern.
Zu jener Zeit war ich erfüllt von jugendlicher Unbeschwertheit und hatte keine Angst vor dem Sprung ins Ungewisse. Ich ließ meiner Kreativität freien Lauf und erstickte sie nicht im Korsett einer Handlungsskizze. Magie und Zauberei sind die Reiseführer auf dem Weg ins Unterbewusstsein. Sie sind der Stoff, aus dem Geschichten sind; wir müssen nur das Fangnetz auswerfen und die Schätze heben. Dies ist das Wunder der Phantasie und das Geheimnis des kreativen Schreibens.
In all den Jahren fragte ich mich nicht, wer meinen Roman einst lesen würde. Ich schrieb nur die Geschichte auf, die in meinen Gedanken zum Leben erwacht war und aufs Papier wollte. Am Anfang stand die Idee, die mir wie ein Schmetterling aus dem blauen Himmel entgegengeflattert war. Was der Schmetterling in seiner Zaubertüte bereithielt, war noch ein Geheimnis. Ich sah zu, wie die Charaktere sich verhielten, wie sie liebten und hassten, einander beistanden und ihr Leben riskierten. Die Themen und Konflikte haben sich beim Schreiben herausgeschält wie die Frucht unter einer harten Schale. Ich hatte ein Fossil im Boden entdeckt und freigeschaufelt, in immer neuem Erstaunen darüber, was Stück für Stück zum Vorschein kam. Ich war der erste Leser meines Romans.
Mehr als alles andere wollte ich eine Geschichte der Wunder schreiben, die die Leser in Erstaunen versetzt – und sei es nur für kurze Zeit. Ich wollte sie für einige Stunden aus dem Alltag entführen und zu einer märchenhaften Reise einladen. 
Sollte mir dies gelungen sein, so glaube ich, waren die Jahre nicht umsonst.

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