Donnerstag, 16. Oktober 2014

Auszug "Wächter der Erinnerungen - Die Reise in die Höchste Welt"

Vorgestern habe ich euch einen Ausschnitt aus dem ersten Band meines "Wächter"-Romans vorgestellt. Im Mittelpunkt stand die Begegnung zwischen Daniel und seiner großen Liebe Nadine.

Heute möchte ich euch einen Auszug aus dem zweiten Band "Die Reise in die Höchste Welt" vorstellen. Diesmal begegnet Kevin - Daniels bester Freund - der Liebe seines Lebens: Helen.

Aber ihre gemeinsame Zukunft ist in Gefahr und so zerbrechlich wie ein Traum. Die dunkle Macht des Schwarzen Schöpfers steht zwischen ihnen.

Er erwacht aus tiefem Schlaf und schlägt erholt die Augen auf. Er gähnt und reckt die Arme. Dann setzt er sich auf und sieht sich um. Das Schlafzimmer ist in orangefarbenes Licht getaucht, das durch ein offenes Fenster strömt. Draußen ist Vogelgezwitscher zu hören, und leichter Wind säuselt ums Haus. Wie so oft nach seltsamen Träumen, benötigt er einen Augenblick, um sich zurechtzufinden. Doch an diesem Morgen dauert es besonders lang; die Umgebung ist ihm fremd. Er schüttelt die verblassenden Eindrücke eines düsteren Traums ab und blickt auf seine Liebste, die neben ihm unter der Bettdecke schlummert.
Er lächelt … und endlich erwachen die Erinnerungen. Er legt sich wieder hin und schmiegt sich an seine schlafende Frau, die vor kurzem seinen Namen angenommen hat: Helen Dorner. Zärtlich streichelt er ihre Wange, bis sie ihre glänzenden Augen öffnet, in deren Pupillen sich seine verliebte Miene spiegelt.
„Guten Morgen“, flüstert sie und gibt ihm einen Kuss. Einen Kuss, der sein Herz höher schlagen lässt … seinen ersten Kuss, wie er zunächst glaubt.
Doch dann erinnert sich an die vielen Male, als er Helens Lippen mit den seinen berührte. Am deutlichsten entsinnt er sich ihres ersten Kusses in einer Höhle, verborgen hinter einem bunten Wasserfall. Doch wo ist das geschehen, und wann?
„Guten Morgen, mein Schatz.“ Er lächelt wieder und fragt sich, ob er je zuvor so glücklich war. Er glaubt es nicht, denn war seine Kindheit nicht erfüllt von Trauer?
Er steigt fast schwerelos aus dem Bett. Trotz des schlechten Traums, fühlt er sich ausgeruht und munter. Er tritt ans offene Fenster und ist im ersten Moment von der Aussicht überwältigt: Er sieht einen blühenden Obstgarten, eingefasst in einen hüfthohen, weißen Zaun. In der Mitte steht eine Linde mit breitem Stamm, ausladender Krone und im Morgenlicht golden glänzenden Blättern. Jenseits des Gartens erstreckt sich ein weißer Strand. Dahinter reicht ein ruhiges Meer bis zum Horizont, das den Glanz der aufgehenden Sonne reflektiert. Dann erinnert er sich, dass er diese Aussicht schon tagelang genossen hat … es sind ihre Flitterwochen.
Helen schmiegt sich von hinten an ihn. „Unser Kleiner hat heute Nacht um Aufmerksamkeit gerungen.“
Er spürt ihren Kopf an seiner Schulter und ihren Bauch an seinem Rücken … ihr Bauch, der deutlich gerundet ist. Ein Kribbeln fährt durch seine Magengrube; er dreht sich um und blickt auf die Rundung unter ihrem weißen Nachthemd. Seine Augen sind vor Erstaunen geweitet.
„Hast du über Nacht vergessen, dass ich im siebten Monat schwanger bin?“
Sie kichert und küsst ihn wieder. Zuerst scheint er es wirklich vergessen zu haben. Doch schon im nächsten Augenblick erinnert er sich an den positiven Schwangerschaftstest, an die Arzttermine und die Ultraschalluntersuchung … es wird ein Junge. Diesmal lächelt er nicht, sondern lacht über das ganze Gesicht und spürt Tränen in den Augen. Er hebt den Blick von ihrem gewölbten Bauch und sieht sie glücklich an. Und sein Lachen verstummt, als er in ihre besorgten Augen blickt.
„Was hast du denn?“
Ihr Gesicht zittert. „Heute Nacht hatte ich einen schlimmen Traum.“
„Möchtest du mir davon erzählen?“ Er legt eine Hand auf ihre Wange und ahnt nicht, dass er denselben Traum hatte.
„Ich träumte, all das …“ Sie sieht sich um, schaut ihm in die Augen und senkt den Blick dann auf ihren Bauch. „… all das sei in Gefahr.“
Sie verzieht den Mund zu einem zitternden Halbbogen und kann nicht verhindern, dass ihr eine Träne an der Wange hinabläuft. Er wischt sie mit dem Daumen beiseite und spürt eine Woge der Angst in sich aufsteigen.
„Alles Glück bedroht durch eine heraufziehende Finsternis“, murmelt er wie im Halbschlaf. Helens Augen flackern vor Entsetzen; dann nickt sie und beginnt elendig zu weinen. Auch seine Augen werden feucht, und ein Schauder gleitet ihm das Rückgrat hinab. Er zieht ihr Nachthemd ein wenig hoch und legte eine Hand auf ihren nackten Bauch.
„Aber es war nur ein Traum“, haucht er. „Ein Albtraum ohne Bedeutung.“
Er sieht sie flehentlich an und hofft auf ihre Zustimmung. Doch stattdessen weint sie noch mehr und wendet schluchzend den Blick ab.
„Vielleicht ist das hier ein Traum und das andere die Wirklichkeit“, flüstert sie, und plötzlich beginnt die Umgebung zu wabern.
„Nein … das ist nicht möglich …“ Er schüttelt den Kopf und sinkt auf die Knie. Er streichelt die Wölbung unter ihrem Nachthemd und legt dann seitlich den Kopf an ihren Bauch. Er spürt strampelnde Beine und kleine Füße, die einer fremden Welt entgegeneilen.
„Niemand nimmt uns dieses Leben!“, ruft er mit erstickter Stimme. Doch die Welt verliert ihre Form und strebt auseinander. „Das hier ist die Wirklichkeit! Unser Sohn wird leben! Wir werden leben!“
Er weint so sehr, dass er kaum noch atmen kann, weint so bitterlich, als könnte er durch seine Tränen das schwindende Glück an sich binden.

Doch das Strampeln seines ungeborenen Kindes vergeht, der Bauch seiner Liebsten schwindet und alles um ihn her verliert sich in weißem Licht.



Wenn euch die Leseprobe neugierig gemacht hat, schaut euch meinen "Wächter"-Roman doch einmal näher an. Aber beginnt beim ersten Teil "Das Band der Freundschaft". :)

Ihr könnt ihn hier als E-Book herunterladen. 

Den zweiten Teil bekommt ihr hier.

Beide Teile werden demnächst auch als gedrucktes Buch erscheinen. Wenn ihr für ein (signiertes) Exemplar vorgemerkt werden wollt, schreibt mir einfach eine E-Mail an simon.geraedts@gmail.com.

Viele Grüße

Simon


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