Dienstag, 14. Oktober 2014

Auszug "Wächter der Erinnerungen - Das Band der Freundschaft"

"Wächter der Erinnerungen - Das Band der Freundschaft" ist ein Fantasyroman. Aber auch - vielleicht noch mehr - ein Liebesroman. 

Heute möchte ich euch einen Ausschnitt vorstellen, der nicht in der Amazon-Leseprobe zu finden ist. Daniel, aus dessen Sicht der erste Teil des Romans beschrieben wird, begegnet der Liebe seines Lebens. 

Frau Horkheimer stand mit einem strahlenden Lächeln vor der Klasse.
„Ich möchte euch ein neues Gesicht vorstellen“, sagte sie. „Das ist Nadine Valentine.“
Ein Mädchen betrat schüchtern den Raum. Sie hielt ihre Schultasche mit beiden Händen vor sich und blickte mit geröteten Wangen über die Klasse.
„Hallo“, begann sie leise. „Ich komme eigentlich aus Domhausen. Aber diesen Sommer bin ich mit meinen Eltern nach Bad Kallingen gezogen. Deshalb musste ich die Schule wechseln und … bin jetzt hier bei euch.“
Sie verfiel in ein verlegenes Schweigen und lächelte nervös. Einige meiner Klassenkameraden kicherten über ihre Unsicherheit, andere lasen desinteressiert in Magazinen. Was mich betraf, so vermochte ich die Augen nicht von dem Mädchen abzuwenden; mein Blick verlor sich in ihrem langen, feuerroten Haar, in ihren kristallblauen Augen und den kleinen Grübchen, die beim Lächeln in ihren Wangen entstanden. Ein ungekanntes Kribbeln erwachte in meiner Magengrube, das sich über die Arme und Beine bis in die Finger- und Fußspitzen hin erstreckte. Ein leichter Schwindel überkam mich, und ich musste tief durchatmen, um wieder Herr meiner Sinne zu werden. Als ich zu Kevin sah, der schräg hinter mir saß, erwiderte er meinen Blick mit hochgezogenen Brauen und grinste, als er meine schmachtende Miene sah. Ich wollte vor Scham im Boden versinken. Unsere Klassenlehrerin lächelte unbeholfen, als sie merkte, dass das „neue Gesicht“ nichts weiter von sich preisgeben wollte.
„Na schön, Nadine. Dann nimm doch bitte Platz, damit wir mit dem Unterricht beginnen können. Die Bank vor Daniel ist noch frei.“
Mein Herz schlug höher, und mein Atem stockte. Geschmeidig schritt sie auf mich zu, sah mir in die Augen und zeigte mir ein Lächeln, das mich in eine andere Welt entführte. Anstatt es zu erwidern, starrte ich sie mit offenem Mund an; mein Gesicht war wie gelähmt.
Den ganzen Tag lang wanderte mein Blick über ihre zarten Schultern, über den Rücken, den ihre tiefroten Haare wie Seide bedeckten, über ihre Arme und Hände, die sie zaghaft nach oben streckte, wenn sie sich traute, eine Antwort zu geben, und über ihre schlanken Beine, die sie hin und wieder elegant übereinanderschlug. Ich träumte von einem fernen Land, in dem keine Menschen lebten, außer ihr und mir. Es war Liebe auf den ersten Blick.

[...]

Am nächsten Montag blieb ich in der kurzen Pause zwischen der ersten und zweiten Schulstunde neben ihrem Platz stehen. Ich starrte auf ein Büchlein, in das sie mit geschnörkelter Schrift die Hausaufgaben eintrug, die Frau Horkheimer nach dem Klingeln diktiert hatte. Für das Mädchen mit dem flammroten Haar war ich so unsichtbar wie der Staub in der Luft. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sprach sie an.
„W-was schreibst du da?“
Sie sah überrascht auf und schien verwirrt, als sie mein Gesicht sah, so als hätte sie ein Fremder angesprochen. „Ich schreibe die Hausaufgaben auf“, erwiderte sie und zeigte mir ein Lächeln, mit dem sie mich höflich abzuweisen suchte. Sie wandte den Blick wieder von mir ab und schrieb weiter. Doch ich wollte nicht aufgeben.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte ich und kniff beschämt die Augen zu.
Hilfe?, schrie eine Stimme in mir. Du willst ihr helfen, die Hausaufgaben aufzuschreiben?
Nadine lächelte wieder, doch wirkte es diesmal echt. „Ich glaube, das schaffe ich auch allein.“ Sie zog die Brauen zusammen. „Daniel, richtig?“
Dummerweise war ich im Augenblick selbst nicht sicher, wie ich hieß, und musste ebenso angestrengt darüber nachdenken wie sie. „Äh … ja, glaube schon.“
Das brachte sie so sehr zum Lachen, dass sie mit einer Hand den Mund abschirmte.
„Ich heiße Nadine. Wieso sehe ich dich so selten?“
„Ich nehme an …“ Ich setzte mich lässig auf meinen Stuhl direkt hinter ihrem. „… weil ich in deinem toten Winkel sitze.“
Nun grinste auch ich und fühlte mich plötzlich unbefangener, wie gelöst. Nadine kicherte und sah dann zu Frau Horkheimer, die um Aufmerksamkeit bat. Ein letztes Mal drehte Nadine sich zu mir um und schenkte mir ein so wunderbares Lächeln, dass mir schwindelig wurde. Verstohlen blickte ich zu Kevin, der offenbar die gesamte Szene beobachtet hatte. Er biss sich vor Freude auf die Unterlippe und verkniff sich lauten Jubel.

[...]

Alle zwei Jahre fand ein Klassenfest statt, das den Schülerinnen und Schülern in privatem Umfeld die Gelegenheit bieten sollte, einander näher kennenzulernen. In wenigen Tagen wäre es wieder soweit, und Kevin machte mir ununterbrochen deutlich, welch einmalige Gelegenheit er in dem anstehenden Fest für mich erkannte.
„Du weißt hoffentlich, was du am Samstagabend zu tun hast?“
Er schwenkte den Kopf mit lüsternem Blick zu Nadine, die mit ihren beiden Freundinnen am Schulkiosk stand und hin und wieder lächelnd zu mir herübersah. Es war Mittwoch, drei Tage vor der Party.
„Soviel ich weiß, bin ich für den Gurkensalat verantwortlich.“
„Idiot!“, rief er lachend und schlug mir mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf. „Wenn ich euch im Laufe des Abends nicht knutschend in einer Ecke erwische, bin ich echt enttäuscht.“
Kalte Angst stahl sich in mein Herz.
Als der große Abend gekommen war, verbrachte ich über eine halbe Stunde vor dem Badezimmerspiegel und kleisterte meine Frisur gewissenhaft mit Gel und Haarspray zusammen. Jedes Mal, wenn ein Haar wie elektrisiert abstand, geriet ich in Panik und begann hektisch von vorn.
„Daniel, komm endlich!“, schrie mein Vater die Treppe hinauf. Es ärgerte ihn, dass er für Kevin und mich den Fahrer spielen musste. Nun kam noch hinzu, dass sein Sohn wie ein Kleinkind trödelte.
„Augenblick noch!“
Mit einem letzten prüfenden Blick begutachtete ich meine Haare und gab mich endlich zufrieden. An diesem Abend trug ich mein bestes Hemd und hatte extra ein neues Paar Schuhe gekauft. Wenn Nadine mich in diesem Aufzug nicht wollte, würde sie mich niemals wollen. Mit pochendem Herzen begab ich mich nach unten.
Das Fest fand daheim bei einer Klassenkameradin statt. Sie hieß Sandra Arnheim und wohnte unweit des Gymnasiums. Ihre Eltern besaßen einen Bauernhof, in dessen Scheune die Feier stattfinden sollte. Auf der gesamten Hinfahrt kreisten meine Gedanken ausschließlich um jenes Mädchen, dessen bloße Anwesenheit mein Herz höher schlagen ließ.
„Eine deiner beiden Aufgaben für heute Abend hast du ja schon erfüllt“, bemerkte Kevin grinsend vom Rücksitz und deutete auf die Salatschüssel auf meinem Schoß. „Enttäusch mich nicht bei der zweiten, Danny.“
Ich spürte brodelnde Wut in mir aufsteigen.
„Was denn für eine zweite Aufgabe?“, fragte mein Vater amüsiert. „Hast du dir etwa vorgenommen, Nadine aufzureißen?“
Meine Augen weiteten sich. Ich drehte mich zu Kevin um und warf ihm einen entrüsteten Blick zu. „Warum hast du meinem Vater von ihr erzählt?“
„Hat er nicht“, antwortete mein Vater für ihn. „Aber auf jeder Seite deines Hausaufgabenheftes, das du immer offen auf dem Schreibtisch liegen lässt, steht ihr Name in dutzendfacher Ausführung. Da war es nicht schwer, eins und eins zusammenzuzählen.“
Er genoss meine entsetzte Miene und lachte dann über das ganze Gesicht. Ich wandte mit heißen Wangen den Blick ab.
„Viel Spaß, Jungs!“, rief mein Vater, als wir aus dem Wagen stiegen. „Ruft mich an, wenn ihr abgeholt werden wollt. Aber vor Mitternacht, wenn ich bitten darf!“
Ich wollte die Wagentür zuschlagen, als er mich mit einem lockenden Zeigefinger zurückbeorderte. Mit fragender Miene lehnte ich mich ins Auto.
„Viel Glück bei deiner zweiten Aufgabe!“, rief er lachend.
Ich verdrehte die Augen und warf die Tür zu. Mein Vater streckte mir die Zunge heraus und wischte sich beim Wegfahren Tränen aus den Augen. Kevin sah dem Wagen schmunzelnd hinterher. „Dein Vater ist echt klasse.“
„Klar doch“, erwiderte ich und drückte mürrisch auf die Türklingel.
Eine korpulente Frau mit blonden Haaren machte uns auf, vermutlich Frau Arnheim, Sandras Mutter.
„Hallo, ihr beiden!“, trällerte sie. „Kommt rein, ihr seid die Allerersten! Geht einfach durchs Wohnzimmer zur Schiebetür. Von dort kommt ihr auf den Hof und zur Scheune. Sandra und eure Klassenlehrerin verschönern gerade noch ein wenig die Dekoration. Ach, ist das alles aufregend!“
Kevin und ich wechselten einen befremdeten Blick, murmelten ein knappes „Dankeschön“ und gingen an der begeisterten Frau vorbei. In der Mitte des Hofs wuchs ein Nussbaum, dessen orangerotes Laubwerk im Wind raschelte. Die Scheune war groß und offenbar schon mehrere Generationen alt. Viele der Mauersteine waren eingerissen und die meisten Dachziegel schief und verrottet. Das breite Eingangstor bestand aus grünen Brettern, deren Farbe stellenweise abgeblättert war. Ein vorsintflutlicher Kohlegrill stand rechts neben dem Scheunentor.
Im Innern der Scheune war es ziemlich düster, da die Deckenbeleuchtung nur mattes Licht ausstrahlte. An die Länge einer Wand waren Schweine- und Kuhställe angebaut, die derzeit leerstanden. Vor den Ställen befand sich eine Reihe Stehtische, auf der Salate, allerlei zum Knabbern und alkoholfreie Getränke abgestellt waren. Einige Luftballons waren mit Kordeln an unverrückbare Gegenstände festgebunden. Sechs Klappstühle standen um einen Plastiktisch, an dem Sandra und Frau Horkheimer Platz genommen hatten. Unsere Lehrerin hob eine Hand zur Begrüßung.
„Hallo, ihr Zwei! Schön, dass ihr da seid! Setzt euch zu uns!“
Sandra, die ähnlich korpulent wie ihre Mutter war, deutete auf einen der Stehtische. „Stell den Salat einfach neben den anderen ab, Daniel.“
Ich tat es und setzte mich dann an den Tisch neben Kevin, der vorsorglich den Stuhl mit der größten Entfernung zu unserer Klassenlehrerin gewählt hatte.
Nach und nach trudelten die restlichen Schülerinnen und Schüler ein und füllten die Scheune mit geschäftigem Leben. Ein bekanntes Gesicht nach dem anderen kam zum Scheunentor herein, und bald war unsere Klasse beinah vollzählig. Doch von Nadine fehlte bis zuletzt jede Spur.
„Sie kommt schon noch“, meinte Kevin und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter.
Ich seufzte wenig hoffnungsvoll. Die Liebe war wie ein Schlüssel, der auf zwei Türen passte. Hinter der einen verbarg sich das größte vorstellbare Glück, hinter der anderen lag eine Trauer, die eine Seele entzweireißen konnte. Mit jeder weiteren Minute wuchs meine Überzeugung, dass mich nichts als Schmerz erwartete.
Als es beinah halb zehn war, wandelte sich meine Befürchtung zur schmerzlichen Gewissheit: Sie würde nicht kommen.
Bevor das letzte Glimmen meiner Hoffnung erlosch und nur einen hässlichen Rußfleck hinterließ, sah ich ein letztes Mal zum Scheunentor und stellte fest, dass es sanft von außen aufgestoßen wurde. Mein Herz pochte, und meine Augen waren starr. Nadine steckte zaghaft den Kopf hinein, um sich zu vergewissern, dass sie am rechten Ort war. Dann trat sie lächelnd über die Schwelle. Voller Freude beobachtete ich ihre anmutigen Bewegungen und warf ihr ein warmes Lächeln zu. Als sie zu mir herübersah, blickte sie geradewegs durch mich hindurch, als trüge ich eine Tarnkappe. Doch das änderte nichts an meinem Entschluss, sie heute Abend anzusprechen und ihr meine Liebe zu gestehen. Ich würde sie nach draußen geleiten und im Arm halten, würde ihre Wange streicheln und sie im Sternenlicht küssen. Meine Träume würden sich endlich bewahrheiten. Von der goldenen Rose der Liebe würde ich nur die Blüte und keine Dornen spüren. Bald würde sie sich auch in mich verlieben und dann …
Ein Kerl, der wie Anfang zwanzig aussah und trotzdem noch unter schlimmer Akne litt, folgte Nadine in die Scheune. Er kaute mit offenem Mund auf einem Kaugummi und trug ein Cap verkehrt herum auf dem Kopf. Aus meinem Magen wich jedes Gefühl; eine kalte Leere breitete sich in mir aus. Meine Augen zitterten, und mein Mund war trocken wie Paniermehl. Die Farben der Welt verblassten, und die Geräusche verloren ihren Klang; mein Herz brach wie ein Holzscheit, das von einer Axt gespalten wird. Kevin sah mich mitfühlend an und schürzte die Lippen. Der Kerl an Nadines Hand sah sich desinteressiert um und musterte uns alle mit herablassendem Blick. Er hielt eine Bierflasche in der Hand und setzte sie wie ein Landstreicher an die Lippen. Er trank in kräftigen Zügen und stieß anschließend einen lauten Rülpser aus. Viele drehten sich angewidert zu ihm um, manche kicherten verlegen. Der Junge schmiegte sich eng an Nadine und wich nicht von ihrer Seite, als wäre sie seine Gefangene.

[...]

Nadines angetrunkener Begleiter wollte immer wieder einen Arm um sie legen, um allen Anwesenden zu zeigen, dass sie ihm gehörte. Anfangs stieß sie ihn zurück, doch ließ es irgendwann geschehen. Er zog sie zur Mitte der Scheune, wo im Laufe des Abends die Tanzfläche entstanden war. Nach einer Weile schlang er beide Hände um ihren Körper und bewegte sein pickliges Gesicht auf ihren Mund zu. Ich ertrug es nicht länger und rannte zum Scheunentor.
Ich stieß mit der Schulter so hart gegen das Holz, dass das Tor krachend aufflog. Draußen lief ich um die Scheune herum und sackte auf der anderen Seite weinend an der Backsteinwand hinab. Als schämte ich mich meiner Tränen, verbarg ich schluchzend mein Gesicht in den Händen. Ich weiß nicht, wie lang ich so dagesessen hatte, als ich plötzlich nahende Geräusche vernahm. Zwei Schatten tauchten rechts von mir auf und schienen miteinander zu ringen. Sie machten hektische Bewegungen und stöhnten lustvoll. 
„Fass ihn an!“, lallte der größere Schatten. „Mach den Reißverschluss auf und hol ihn raus!“
Der kleine Schatten sträubte sich. „Nein! Hör auf, Felix! Lass mich los!“
Es war ihre Stimme …  es war Nadine.
Der große Schatten ergriff ihre Bluse und legte mit einem reißenden Geräusch eine ihrer Brüste frei. Nadine ruderte wild mit den Armen und schrie um Hilfe. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und sprang auf. „Lass sie los!“
Beide Schatten erstarrten.
„Verdammte Scheiße, wer is’ da?“, nuschelte der Kerl. Nadine presste die zerrissene Bluse an ihre Brust und weinte bitterlich.
„Du sollst sie loslassen!“, rief ich.
Der Schatten torkelte auf mich zu. „Für wen hältste dich, du Flasche?“
Er kam mir so nah, dass ich sein Gesicht erkannte. Seine Augen waren halb geschlossen, und aus seinen Mundwinkeln lief Sabber. Ich hob eine Scherbe von einem zerbrochenen Scheunenfenster auf und hielt sie ihm vors Gesicht; sie blitzte im Mondschein wie eine Messerklinge. Der Kerl blieb stehen und betrachtete meine ausgestreckte Hand. Dann warf er den Kopf in den Nacken und stieß ein dröhnendes Lachen aus.
„Willste mich mit dem Teil abstechen, du Spinner?“
Meine Hand zitterte, während er weiter auf mich zuging.


Ich hoffe, die Leseprobe hat euch gefallen, und würde mich freuen, wenn ihr weiterlesen möchtet.

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Leserstimmen:

"Ich werde das Buch an jede Leseratte weiterempfehlen, die ich jemals kennenlernen werde. Es ist einfach unglaublich. Ich habe noch nie so sehr von einem Buch geschwärmt." 

Saskias Bücherwelt

"Simon Geraedts mischt Poetisches, Philosophisches und Fantasy zu einem wunderschönen Zaubertrank."

Leseeule Theresa

"Ich bin dankbar, dass ich dieses Buch lesen durfte." 

Sabrina "Lovebooks"


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