Montag, 26. Mai 2014

Zeitmangel

Viele Menschen hegen den Traum, einmal ein Buch zu schreiben. Sie möchten ihre Kreativität ausleben und etwas Bleibendes schaffen. Wer sollte ihnen diesen Wunsch verdenken? Schreiben ist etwas Wunderbares; es führt uns in die Tiefen des Unterbewusstseins und bringt uns mit Gefühlen und Erinnerungen in Berührung, die seit langem in uns schlummern und nur darauf warten, (wieder-) entdeckt und als Text verewigt zu werden.

Leider sprechen viele im Zusammenhang mit ihrem Traum vom Schreiben gern von „später“, „irgendwann“ und (der Klassiker): „Wenn ich mal Zeit habe.“

Die Wahrheit ist: Wer jetzt keine Zeit zum Schreiben findet, wird sie niemals finden.

Haben wir wirklich zu wenig Zeit?

Ich behaupte: Nein.

Wenn wir ehrlich sind, haben wir sehr viel Zeit. Selbst wenn wir 60 Stunden in der Woche einem „Brotberuf“ nachgehen, haben wir immer noch genügend Zeit zum Schreiben. Wer jetzt vehement widerspricht, sollte sich einmal fragen, wie viel Zeit er mit Dingen verplempert, die ihn seinem Traum vom Schreiben kein Stück näherbringen. Ich spreche von typischen Zeitfressern wie Facebook, YouTube, Fernsehen, Videospielen und vielen anderen. 

Wir Deutschen sind bekannt für unsere Pfennigfuchserei; wir nehmen einen Umweg von 15 Minuten in Kauf, um durch ein Rabattangebot einen Euro einzusparen. Wir freuen uns wie ein Kind über den gesparten Euro, aber verschwenden keinen Gedanken an die verlorene Viertelstunde. Zeit gehört zu den kostbarsten Ressourcen, die wir besitzen. Doch mit kaum etwas üben wir einen so verschwenderischen Umgang.

Es heißt: „Zeit ist Geld.“ Aber das stimmt nicht. Zeit viel kostbarer. Verlorenes Geld lässt sich zurückgewinnen – verlorene Zeit nicht.

Zunächst müssen wir ein Bewusstsein für den Wert der Zeit entwickeln. Erst dann werden wir imstande und willens sein, Zeit einzusparen und gewinnbringend zu nutzen.

Aber wie schaffen wir das?

Parkinsons Gesetz

Der britische Soziologe und Historiker Cyril Northcote Parkinson (1909 – 1993) formulierte folgendes Gesetz (auch als das „erste Parkinsonsche Gesetz“ bekannt):
„Arbeit dehnt sich genau in dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“
 Dieses Phänomen kennen wir sicher alle: Wenn uns noch Wochen oder gar Monate bleiben, um etwas (Unliebsames) zu erledigen – sei es die Steuererklärung, das Redigieren eines Aufsatzes oder das Aufräumen der Garage –, schieben wir es so lange auf, bis die Frist naht und wir Zeitdruck verspüren. Erst dann entwickeln wir eine ungeahnte Produktivität und schaffen es gerade noch rechtzeitig, die Aufgabe zu erfüllen. Hätten wir den Termin auch eingehalten, wenn er ein paar Wochen früher gelegen hätte? Aber natürlich! Wir hätten in diesem Fall einfach früher den Zeitdruck verspürt und die notwendige Produktivität entwickelt.

Wir können Parkinsons Gesetz zu unserem Zweck ausnutzen, indem wir uns für anstehende Aufgaben kürzere Fristen setzen und somit früher in den produktiven Modus umschalten. Auf diese Weise sparen wir nicht nur ungemein viel Zeit, sondern erreichen auch eine spürbar höhere Qualität, als wenn wir alles auf den letzten Drücker angehen.

Um Parkinsons Gesetz zu nutzen, ist es wichtig, Großprojekte – zu denen fraglos das Schreiben eines Romans gehört – in möglichst kleine Arbeitssegmente zu unterteilen. Wenn man den Mount Everest erklimmen will, ist es verdammt entmutigend, den Blick unentwegt auf den weit entfernten Gipfel zu richten. Ein weitaus größerer Ansporn lässt sich erzielen, wenn man das nächste Hochlager anpeilt oder auch nur die nächste Felswand. Für ein kurzfristig erreichbares Zwischenziel können wir uns sehr viel leichter motivieren als für das weit entfernte Endziel.

Je kleiner die gewählten Arbeitsschritte sind, desto stärker greift Parkinsons Gesetz. In Bezug auf das Schreiben kann dies die Fertigstellung des aktuellen Kapitels (oder auch nur des aktuellen Abschnitts) sein, die Recherche zu einem bestimmten Thema oder die Entwicklung einer Figur. Eigentlich spielt es keine Rolle, in welche Segmente wir unser Buchprojekt unterteilen – Hauptsache, sie sind schnell umsetzbar und lassen sich mit einer zeitnahen Frist verbinden. Durch die greifbare Erreichbarkeit des Ziels steigern wir unseren Antrieb (Esel-Möhre-Prinzip) und entwickeln aufgrund der gesetzten Frist eine hohe Produktivität. Im Klartext: Wir nutzen unsere Zeit optimal aus und schicken einen dankenden Gruß ans Grab von Herrn Parkinson. :-)
  
Kurze Schreib-Sessions

Viele Jahre lang habe ich einen gravierenden Fehler gemacht, den ich heute sehr bereue: Ich habe meist nur geschrieben, wenn ich viel Zeit am Stück hatte. Begründet habe ich dies damit, dass ich zum Schreiben einen freien Kopf bräuchte, was nur der Fall sei, wenn kein Zeitdruck bestehe und keine Termine auf mich warteten. Außerdem glaubte ich, dass es eine Weile dauern würde, bis meine Fantasie sich entfalte und mein kreativer Geist sich öffne. Inzwischen weiß ich: Das ist genauso bescheuert wie es klingt.

Es stimmt zwar, dass man eine gewisse Vorlaufzeit benötigt, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Aber wie lange braucht man wirklich, um in der Lage zu sein, etwas Brauchbares zu Papier zu bringen? Das meiste im Leben ist Kopfsache, so auch die vermeintliche Schreibunfähigkeit zwischen Tür und Angel. In Wahrheit lässt sich jedes noch so kleine Zeitfenster zum Schreiben nutzen. Natürlich wird man in der Frühstückspause oder im Wartezimmer beim Arzt keine ellenlangen Texte zustande bringen. Aber darum geht es auch gar nicht. Getreu dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“ ist jeder Abschnitt, den man festhält, ertragreich. Sogar jeder Satz und jedes Stichwort  denn diese kleinen Erträge summieren sich mit der Zeit zu einer beachtlichen Masse. Wie sehr kurze Schreib-Sessions zur Steigerung der Produktivität beitragen, ist kaum zu bemessen. Aus kleinsten Notizen, die man unterwegs auf einen Block kritzelt, entstehen mit der Zeit ganze Romane. Außerdem werden wichtige Ideen und Ansätze festgehalten, die ansonsten in Vergessenheit geraten wären.

Sogar Mini-Schreibeinheiten von zehn Minuten (oder weniger), die sich auch an den stressigsten Tagen einschieben lassen, können die Arbeit an einem großangelegten Projekt um Monate (!) verkürzen. Die Zeit zum Schreiben existiert nicht nur in großen, zusammenhängenden Massen, die uns nur selten zur Verfügung stehen. Vielmehr liegt der Großteil der Zeit in winzigen Häppchen vor, die sich in zahllosen, kleinen Nischen des Alltags verbergen; wir müssen sie nur erkennen und mit Hilfe des Parkinsonschen Gesetzes maximal ausnutzen. Um einen begonnenen Absatz zu beenden, müssen wir nicht bis zum Wochenende oder bis zum Feiertag warten, erst recht nicht bis zum Sommerurlaub. Wir können das hier und jetzt erledigen, sobald sich ein kleines Zeitfenster öffnet. Wenn wir an jedem Werktag im Schnitt nur 200 Wörter schreiben, die wir früher unter dem Vorwand des Zeitmangels nicht geschrieben hätten, schaffen wir pro Woche 1.000 Worte mehr als zuvor. Auf ein Jahr gerechnet, bildet dieses Zusatz-Pensum fast die Länge eines Romans. Wenn wir zudem nach alter Gewohnheit die großen Zeitfenster am Wochenende, im Urlaub und an den Feiertagen nutzen – mit erhöhter Produktivität durch das Parkinsonsche Gesetz –, sind auch neben einem Vollzeit-Job zwei bis drei Romane im Jahr möglich.

Die erhöhte Produktivität führt aber nicht nur zu einer deutlichen Steigerung der Quantität, sondern auch der Qualität. Längere Unterbrechungen lassen uns den „Kontakt“ zur Geschichte verlieren. Nur wenn wir sie aufschreiben, solange sie noch frisch und heiß ist, entwickelt der Text eine eigene Spontaneität, erwacht zum Leben und erreicht Authentizität in den Figuren, Schauplätzen und im Plot. Wenn wir hingegen eine Ewigkeit am Manuskript herumbasteln und immer wieder lange Schreibpausen einlegen, verlieren wir die Details aus dem Auge, die den Kitt jeder guten Geschichte bilden; der Text wirkt dann künstlich und konstruiert – und das merken die Leser.

Zu guter Letzt gibt uns eine hohe und regelmäßige Produktivität ein echt gutes Gefühl und steigert unsere Motivation. Auf diese Weise geraten wir in keine Schreibblockade und verhindern Prokrastination. Je mehr sich das regelmäßige Schreiben – auch zwischen Tür und Angel – als Gewohnheit einschleift, desto weniger Mühe bereitet es uns. Und je weniger wir das Schreiben als Mühe empfinden, desto leichter fließen die Worte. 

Als weiterführende Literatur zu diesem Thema empfehle ich "Zeit zum Schreiben" von Richard Norden. Ein anschaulich verfasster Ratgeber mit zahlreichen Tipps, Tricks und Methoden zum effektiven Nutzen der Schreibzeit.