Sonntag, 11. Mai 2014

Produktivität - Einführung

Dies ist eine Einführung in den Themenbereich „Produktivität“.
Hier findet ihr eine Liste typischer Verhaltensmuster und Schwierigkeiten, die dem kreativen Schreiben im Weg stehen. Im Laufe der kommenden Wochen werden die Überschriften, die aktuell noch rot markiert sind, auf einen separaten Beitrag verweisen, der tiefer in die entsprechende Problematik einführt und Lösungen anbietet. Was ich über viele Jahre herausgefunden habe, könnt ihr somit übersichtlich nachlesen und euren eigenen Nutzen daraus ziehen. Mit der Zeit soll die Liste durch eure Anregungen weiter anwachsen. Das Projekt ist also ein interaktiver Work in progress, bei dem ihr euch gern jederzeit mit Kommentaren, Fragen und Themenvorschlägen einbringen könnt.


Faulheit

Ich will ehrlich sein: Im Gegensatz zu einem Vielschreiber wie Stephen King, für den es nach eigener Aussage harte Arbeitet bedeutet, nicht zu schreiben, muss ich mich doch regelmäßig dazu aufraffen und meinen inneren Schweinehund überwinden. Inzwischen bin ich mit meiner Produktivität recht zufrieden (auch wenn noch Luft nach oben vorhanden ist), aber das war nicht immer so. Besonders in meiner Studienzeit habe ich die Faulheit auf die Spitze getrieben. Es fiel mir nicht schwer, unrasiert in der Jogginghose (oder ohne Hose) ganze Tage zu vergammeln. Ich konnte mir stundenlang stumpfsinnige YouTube-Videos anschauen, uralte Wiederholungen von „Eine Schreckliche nette Familie“ reinziehen oder auf der Couch liegen und buchstäblich gar nichts tun. Mein Tagespensum bestand zuweilen darin, eine schmutzige Kaffeetasse in die Spülmaschine zu räumen oder ein aufgeschlagenes Buch wieder zuzuklappen (und an guten Tagen zurück ins Regal zu stellen). Das ist heute ganz anders … ich rasiere mich regelmäßig! :-)
Spaß beiseite, durch diverse Kniffe und Tricks habe ich mir regelmäßige Schreibzeiten angewöhnt und erfülle nun ein ordentliches Wochenpensum. Es ist mein erklärtes Ziel, jedes Jahr zwei Bücher zu vollenden (hoffentlich nehme ich den Mund nicht zu voll). Das wäre früher undenkbar gewesen, reine Science-Fiction. Aber es ist möglich und mit Hilfe bestimmter Techniken nicht einmal sehr schwer.  


Prokrastination

Unter Prokrastination leidet meiner Überzeugung nach nahezu jeder Mensch auf diesem Planeten, wenn auch in unterschiedlich starker Ausprägung. Man versteht darunter das ständige Aufschieben zu erledigender Arbeiten. Wer schon einmal für eine Klausur lernen musste und stattdessen die Möbel abgestaubt hat, kennt dieses Phänomen. Im Gegensatz zur Faulheit fehlt uns nicht der Wille zur Arbeit und Anstrengung, doch leiten wir unsere Zeit und Energie in die falschen Kanäle. Wir sind nicht untätig, aber tun etwas Unwichtiges, um das Wichtige, das wir als langweilig und unangenehm empfinden, nicht tun zu müssen. Auch Versagensangst und falscher Perfektionismus können Ursachen der Prokrastination sein. Obwohl wir genau wissen, dass uns das Aufschieben in Schwierigkeiten bringt, können wir uns kaum dagegen wehren. Indem wir uns vor wichtigen Aufgaben drücken, bekommen wir ein schlechtes Gewissen, das unsere Arbeitsleistung noch mehr hemmt und die Prokrastination fördert. Das ist ein ziemlich übler Teufelskreis, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt. Tatsächlich existieren jedoch einige wirkungsvolle Methoden, um das Aufschiebeverhalten zu überwinden und die Todo-Liste effektiv abzuarbeiten.



Über Versagensangst wird im Allgemeinen wenig gesprochen, obwohl ich sicher bin, dass viele darunter leiden. In einer Leistungsgesellschaft, die Arbeit und Produktivität in den Mittelpunkt stellt, gilt Versagensangst als beschämende (Charakter-) Schwäche. Wer in einem Vorstellungsgespräch auf die Frage nach seiner größten Schwäche Versagensangst anführt, verschlechtert drastisch seine Chancen auf den Job. Versagensangst ist, wenn man so will, eines der wenigen verbliebenen Tabuthemen unserer Zeit. Beim Schreiben habe ich lange unter Versagensangst gelitten, die meine Produktivität erheblich eingeschränkt hat. Versagensangst geht mit Selbstzweifeln einher und ist ein wahrer Totschläger für die Kreativität. Aus Angst vor dem Scheitern brachte ich kaum ein Wort zu Papier, und die mangelnde Produktivität schürte meine Angst – eine fatale Abwärtsspirale. Um negativer Kritik vorzubeugen, suchte ich am Reißbrett nach der vermeintlich „perfekten“ Handlungsskizze, mit der nichts schiefgehen kann, und vergaß, dass ich schreiben muss, um Ideen zu finden. Wer ständig Angst hat und zweifelt, verhindert jede Inspiration und Kreativität. Ich wollte zwanghaft alles richtig machen und verfiel dem falschen Perfektionismus. Erst als ich die Versagensangst abschüttelte und das irrsinnige Streben nach Perfektion aufgab, konnte meine Fantasie sich frei entfalten.


Falscher Perfektionismus


Beim Schreiben wollte ich lange Zeit alles perfekt machen. Absolut perfekt. Wenn ein Text eigentlich fertig war, habe ich mir oft noch mehrere Wochen (!) Zeit genommen, um ihn etliche Male gegenzulesen und an Einzelheiten zu feilen. Ich habe Sätze umgestellt, die völlig in Ordnung waren, Worte ausgetauscht, an denen nichts auszusetzen war, und mehrfach jedes Komma geprüft. Ich war wie besessen von der Idee eines lupenreinen Manuskripts. Heute weiß ich, dass diesem Perfektionismus-Wahn die Angst vor negativer Kritik zugrunde lag. Indem ich das Skript bis ins kleinste Detail auf Hochglanz polierte, wollte ich es vor kritischen Leserstimmen schützen. Niemand sollte auch nur das Mindeste bemängeln können, selbst wenn er wollte. Wie unsinnig dieses Bestreben ist, wurde mir erst sehr viel später klar. Davon abgesehen, dass wahre Perfektion überhaupt nicht zu erreichen ist (daher auch der Begriff „falscher Perfektionismus“) und man es niemals jedem Leser recht machen kann, sorgt der wochen- oder gar monatelange Feinschliff für ein denkbar schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis. Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto (1848 – 1923) formulierte die sog. 80-zu-20-Regel (auch Paretoprinzip oder Pareto-Effekt), nach der bei einem Projekt (zum Beispiel dem Schreiben eines Romans) 80 % der Ergebnisse nach 20 % der Gesamtzeit erreicht werden. Demnach verwenden wir 80 % der Gesamtzeit auf 20 % der Ergebnisse. Beim Schreiben ist der falsche Perfektionismus hauptverantwortlich für diesen Wahnsinn. Damit will ich nicht sagen, dass man die Qualität schleifen lassen sollte, um Zeit zu sparen. Doch man muss einmal ein Ende finden, und wenn ein Manuskript fertig ist, dann ist es fertig. Irgendwann wird der Text durch das Umstellen von Sätzen und Austauschen von Worten nicht mehr besser, sondern nur noch anders – in manchen Fällen sogar schlechter. Also: Tod dem falschen Perfektionismus und ein dreifaches Hoch auf den Mut zur Unvollkommenheit!



Viele Menschen träumen davon, einmal ein Buch zu schreiben ... irgendwann ... wenn sie mal Zeit haben. Die Wahrheit ist: Wer jetzt keine Zeit zum Schreiben findet, wird sie niemals finden. Der Zeitmangel gehört zu den meistbedienten Vorwänden, die Arbeit an einem Roman gar nicht erst aufzunehmen. Doch wenn wir ehrlich sind, haben wir alle sehr viel Zeit. Stimmt nicht? Dann macht euch einmal bewusst, wie viel Zeit ihr täglich mit Dingen vergeudet, die absolut nichts mit dem Schreiben zu tun haben. Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig Zeit haben. Das Problem ist, dass wir unsere Zeit verdammt schlecht nutzen. Ein oft begangener Fehler besteht darin, nur dann zu schreiben, wenn sehr viel Zeit am Stück zur Verfügung steht. Natürlich ist das selten der Fall; kaum unter der Woche und nur manchmal am Wochenende. Der Nutzen kurzer Schreib-Sessions wird enorm unterschätzt, sodass endlos viel Zeit ungenutzt im Rinnsal versickert. Außerdem fühlen viele sich vom weit entfernten Ende des Buchprojekts schnell entmutigt und werfen daher vorzeitig das Handtuch. Doch hier gibt es Abhilfe durch das Parkinsonsche Gesetz. Was es damit auf sich hat und welche anderen Methoden es gibt, unsere Zeit optimal zum Schreiben zu nutzen und eine höchstmögliche Produktivität zu erreichen, erfahrt ihr in diesem Beitrag.



In diese Thematik spielen Faulheit, Prokrastination und Versagensangst gleichermaßen hinein. Wer sich zum Schreiben hinsetzt, aber kaum einen Satz zustande bringt, drückt sich entweder vor der Arbeit oder lässt sich von der Sorge lähmen, nichts Vernünfiges zu Papier zu bringen. Beides führt dazu, dass man die Schreibzeit nahezu ungenutzt lässt und infolgedessen Gewissensbisse verspürt, die schlimmstenfalls in eine handfeste Schreibblockade münden. Es gibt diverse Techniken, um die Motivation auch über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten und ein regelmäßiges Schreibpensum zu erfüllen. Von besonderer Bedeutung ist die Einsicht, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Außerdem können wir nicht kreativ sein, wenn wir uns schlecht fühlen und/oder abgelenkt sind. Feste Schreibzeiten und körperliches Wohlbefinden sind die Voraussetzungen für einen stetigen Arbeitsfortschritt.



Eine der meistgestellten Fragen seit Erfindung des Autoren-Interviews lautet: "Wie finden Sie die Ideen für Ihre Bücher?"
Auf diese Frage gibt es keine in Stein gemeißelte Antwort. Ideen lassen sich nicht gezielt entdecken wie Silbermünzen, die man mit einem Metalldetektor am Strand sucht, um sie an der richtigen Stelle auszubuddeln. So funktioniert das kreative Schreiben einfach nicht. Der Autor geht nicht auf Ideenjagd, sondern die Ideen kommen zum Autor. Sie sind wie Schmetterlinge, die uns unverhofft aus dem blauen Himmel entgegenflattern. Es ist dann unsere Aufgabe, das Fangnetz bereitzuhalten, um sie aus der Luft zu fischen und festzuhalten. Wer schreibt, begibt sich auf eine Reise ins Ungewisse. Das ist kein Grund zur Sorge, sondern Voraussetzung für jede Form von Kreativität und Inspiration. Nur wer sich von starren Vorgaben, einem vorgefertigten Plot-Schema und anderen Schablonen löst, wird die Ideen-Schmetterlinge in ihrer reinen Form erblicken und in der Lage sein, ihrem unvorhersehbaren Flug zu folgen. Als Autor muss man sich von der eigenen Fantasie treiben lassen, wohin sie auch führt. Nur wer dazu den Mut findet, wird Geschichten erfinden, die nicht konstruiert wirken, sondern glaubhaft und authentisch.