Sonntag, 9. März 2014

Was versteht man unter Stil?

Nur wenige Buchbesprechungen verzichten auf eine Charakterisierung des Schreibstils. Die Liste der verwendeten Adjektive ist schier grenzenlos: hölzern, sperrig, leidenschaftlich, emotional, pathetisch, nüchtern, bürokratisch, dilettantisch, professionell, übertrieben, ansprechend, virtuos, blumig, gut, schlecht u.v.a.

Aber was genau ist eigentlich Stil?


Demnach gibt es verschiedene Möglichkeiten, denselben Gedanken oder Sachverhalt auszudrücken. Die Art und Weise der Formulierung mitsamt ihren Besonderheiten wird als Stil bezeichnet. Im Gegensatz zur Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik, die klar definierten Regeln folgen und das Schreiben als Handwerk erlernbar machen, ist der Stil somit kontingent.

Das klingt banal, ist aber keine Selbstverständlichkeit. Noch im letzten Jahrhundert war unter namhaften Sprachphilosophen wie Gottlob Frege, Bertrand Russel und Ludwig Wittgenstein die sogenannte Abbildtheorie verbreitet, nach der die Sprache ein untrügliches Spiegelbild der Außenwelt sei. So wie sich mittels mathematischer Gleichungen physikalische Gesetze beschreiben ließen, bestehe auch die Sprache aus logisch kohärenten Aussagen, die entweder richtig oder falsch seien. Aussagen ohne direkten Bezug zur Außenwelt, etwa philosophische Postulate, waren demnach unzulässig und nicht überprüfbar. Nach dieser Auffassung lässt die Sprache keinen Raum für unterschiedliche Stile; das Spiegelbild der Welt ist immer dasselbe.

Diese Theorie ist inzwischen überholt und wurde von Robert Musil im ersten Absatz seines Jahrhundertwerks „Der Mann ohne Eigenschaften“ parodiert, indem er das Wetter auf zweierlei Weise beschrieb:

Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft,  und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.

So hat Musil die Kontingenz als eines der Hauptthemen seines Magnum Opus am Beispiel des Schreibstils aufgezeigt. Doch mit der Kontingenz geht immer auch das Problem der Entscheidung einher, und so stehen viele Autoren vor der Frage: Welchen Stil soll ich für meinen Text wählen?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Nur eines lässt sich sagen: Der Stil sollte klar sein.

Was zeichnet einen klaren Stil aus? 

Kurze Antwort: Schlichtheit.

Die Kunst des Schreibens besteht darin, einen Gedanken oder Sachverhalt möglichst einfach auszudrücken. Auf diese Weise ist ein Text zur Freude der Leserschaft verständlich und flüssig lesbar. Diese Erkenntnis ist naheliegend, doch leider nicht sehr verbreitet. Besonders in der Fachliteratur scheint die Devise zu herrschen, dass ein Text bedeutsamer sei, je komplizierter, verschachtelter und terminologischer er ist. So bleiben einfachste Gedanken oftmals hinter sprachlichen Ungetümen verborgen.

Beispiele:

Jeder Gegenstand, auf den ein Zeichen bezogen wird, kann seinerseits zum Signifikanten für das Signifikat des ursprünglichen Signifikanten werden oder sogar zum Signifikanten, dessen metasprachliches Signifikat der ursprüngliche Signifikant ist.“ Umberto Eco: „Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte“.


„Erstheit ist das, was so ist, wie es eindeutig und ohne Beziehung auf irgend etwas anderes ist. Zweitheit ist das, was so ist, wie es ist, weil eine zweite Entität so ist, wie sie ist, ohne Beziehung auf etwas Drittes. Drittheit ist das, dessen Sein darin besteht, dass es eine Zweitheit hervorbringt. Es gibt keine Viertheit, die nicht bloß aus Drittheit bestehen würde.“ – Charles S. Peirce: „Phänomen und Logik der Zeichen“.

„Überall ist es bestellt, auf der Stelle zur Stelle zu stehen, und zwar zu stehen, um selbst bestellbar zu sein für ein weiteres Bestellen. Das so Bestellte hat seinen eigenen Stand. Wir nennen ihn Bestand. [...] Das Wesen des Gestells ist das in sich gesammelte Stellen, das seiner eigenen Wesenswahrheit mit der Vergessenheit nachstellt, welches Nachstellen sich dadurch verstellt, dass es sich in das Bestellen alles Anwesenden als den Bestand entfaltet, sich in diesem einrichtet und als dieser herrscht.“ – Martin Heidegger: „Die Technik und die Kehre.“

So hoch das Ansehen dieser Philosophen auch sein mag, halte ich den Stil ihrer Arbeiten für extrem unverständlich und daher für schlecht. Zweifellos hätten sich für die vorliegenden Gedanken einfachere Formulierungen finden lassen. Viele Fachautoren scheinen bewusst einen unverständlichen Stil zu wählen, um die Banalität ihrer Arbeit zu kaschieren. Das halte ich für eine Todsünde: Wer nichts Relevantes zu sagen hat, sollte schweigen. Und wer etwas zu sagen hat, sollte sich auf das Wesentliche beschränken und eine möglichst einfache Ausdrucksweise wählen.

Beim Stil gilt die Grundregel: Fasse dich kurz und drücke dich einfach und verständlich aus. 

Einfachheit ist jedoch keinesfalls mit Trivialität zu verwechseln. Es bedeutet nur den Verzicht auf Verschnörkelungen, Schachtelsätze, Fachbegriffe, Substantivierungen, Adverbien, (semantisch blasse) Adjektive, Füllwörter, gestelzte Formulierungen, ungewöhnliche Satzstellungen und vieles mehr, das die Lesbarkeit und das Textverständnis (unnötigerweise) beeinträchtigt. 

Ein Meister der Einfachheit war Franz Kafka. Sein Stil ist schlicht, und doch von unsagbarer Tiefe. In der Musik sind Mozarts Klaviersonaten ein Musterbeispiel der Einfachheit. Die Melodien sind kinderleicht, doch zugleich von zeitloser musikalischer Genialität. Daher stammt der Satz: Mozart ist zu leicht für Kinder, doch zu schwer für Erwachsene.
Um seine kompositorischen Fähigkeiten wurde Mozart zeitlebens vom italienischen Kapellmeister Antonio Salieri beneidet. In Mozarts Partituren ist keine Note überflüssig, und keine darf fehlen. So sollte es sich auch mit den Worten eines Textes verhalten. 

Fazit: Der Stil ist die Art und Weise, wie ein Sachverhalt oder Gedanke (mündlich oder schriftlich) geäußert wird. Da die Sprache in dieser Hinsicht (schier unendlich) viele Möglichkeiten bietet, ist der Stil kontingent und unterscheidet sich somit von der Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik, die klaren Regeln folgen. Aber auch beim Stil genießt der Autor keine grenzenlose Freiheit, sondern sollte stets auf Schlichtheit bedacht sein, damit seine Texte möglichst lesbar und verständlich sind. Jedes Wort braucht (semantisches) Gewicht, und alles Überflüssige sollte gestrichen werden.

In der nächsten Woche möchte ich weiter ausführen, was einen guten und klaren Stil ausmacht. Auf einen wichtigen Aspekt habe ich bereits hingewiesen: Füllwörter vermeiden!