Mittwoch, 26. März 2014

Teaser-Ausschnitte "Wächter der Erinnerungen"

Als kleinen Teaser für meinen neuen Roman "Wächter der Erinnerungen" möchte ich euch gern zwei Ausschnitte vorstellen, die nicht in der Leseprobe enthalten sind. Ich hoffe, sie gefallen euch. :)


Ausschnitt 1:

Von Anfang an vermutete ich hinter seinem schweigsamen Wesen einen Reichtum ungehobener Schätze. Jenseits seiner Trauer lagen tiefgründige Gedanken und eine außergewöhnliche Vorstellungskraft.
Im Frühling des folgenden Jahres, etwa sieben Monate nach meinem ersten Besuch bei den Dorners, führte Kevin mich zum einzigen Ort, an dem seine schwermütige Seele für kurze Zeit aufatmete: Den Weizenfeldern am Rande Bad Kallingens, die sich wie ein goldener Ozean vor dem Fuß eines Hügels erstreckten.
Dort entfaltete er sein wahres Wesen und verwandelte sich in einen bemerkenswert gesprächigen Jungen. Was ich immer schon geahnt hatte, zeigte sich endlich: Kevin besaß einen scharfen Verstand und eine blühende Phantasie. Er drang tief in sein Unterbewusstsein und brachte geistreiche Ideen hervor. Seine Intelligenz übertraf die aller anderen Kinder in unserer Klasse, und seine Kreativität war bewundernswert. Besonders deutlich erinnere ich mich an einen milden Sonntag, einige Jahre nach unserem ersten Ausflug zu den Feldern, als er mich wie so oft an seinen Gedanken teilhaben ließ.
„Glaubst du eigentlich an Gott?“
Diese Frage war mir spontan in den Sinn gekommen; ich hatte sie gestellt, ohne mir viel dabei zu denken. Kevin lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen zwischen wehenden Weizenhalmen und sah zum Himmel auf, an dem vereinzelt Wolken vorüberzogen.
„Denkst du im Ernst, ich würde an einen allmächtigen Gott glauben, nachdem Mama …“, er stockte und sah mich betroffen an. Der Schmerz in seinen Augen war so tief, dass mir schwindelig wurde. Betreten senkte ich den Blick und spürte, dass ich errötete.
„Aber du musst doch an irgendetwas glauben“, sagte ich schüchtern. „Gibt es denn nichts, was dir etwas bedeutet?“
Kevin richtete sich auf, ging in die Hocke und legte seine Arme auf die Oberschenkel. Eine Bö warf sein brünettes Haar zurück, und die Weizenhalme schwankten unruhig hin und her.
„Ich suche nach der Letzten Wahrheit“, sagte er. „Ich möchte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält.“
Ich verstand nicht, was er meinte. Er bemerkte es und sah mich an; ein unermesslicher Ideenreichtum glänzte in seinen braunen, feuchten Augen.
„Wir sind alle wie die Fliegen“, sagte er.
„Wie die Fliegen?“ Ich lächelte. Aber Kevins Miene blieb ernst.
„Einmal habe ich eine Fliege beobachtet, die immer wieder gegen einen Spiegel flog“, begann er. „Sie glaubte, in die Ferne zu schauen und eine andere Fliege zu sehen. Aber in Wahrheit sah sie nur sich selbst im Abbild ihrer eigenen Welt. Sie verstand es nicht und flog in ihrem Irrtum immer weiter gegen den Spiegel, bis sie starb.“
Ich versuchte, ihm zu folgen, und schloss die Augen, um mir all das besser vorzustellen.
„Wir entwickeln uns weiter und betreiben Fortschritt“, fuhr Kevin fort. „Wir bilden uns viel auf unsere Wissenschaften ein und glauben, das Universum zu entschlüsseln. Aber wir erfahren nichts über die kosmische Ordnung, auf der alles beruht. Wir sind nicht mehr als jene Fliege, die immerfort gegen den Spiegel fliegt, weil sie die Wahrheit nicht begreift, die vor ihr liegt.“
Das Lächeln auf meinen Lippen war verschwunden; mit großen Augen hörte ich weiter zu.
„Als ich die Fliege beobachtete, stand ich über ihr und begriff die Wahrheit, die ihr verschlossen blieb. Es gibt also verschiedene Stufen der Erkenntnis. Ich möchte die höchste Stufe erklimmen, von der aus man auf alles hinabblickt und die Letzte Wahrheit erkennt. Darin besteht für mich der Sinn des Lebens.“
„Warum willst du unbedingt diese höchste Stufe erklimmen?“, fragte ich.
Kevin sah mich wieder an; in seinem Blick stand der tiefe Schmerz, der ihn seit dem Tod seiner Mutter wie ein Schatten begleitete.
„Weil dort jene Wesen leben, für die wir wie die Fliegen sind“, sagte er. „Sie sind die Einzigen, die mir helfen können, wieder glücklich zu sein. Es gibt einen Ort, der voll Harmonie und heller Farben ist. Einen Ort, erfüllt von ihrer Kraft. Eines Tages werde ich ihn finden, und ihre Lichter werden mich heilen.“

Kevin erhob sich und sah den Hügel hinauf, auf dem die alten Birken des Waldrandes aufragten. In seinem Gesicht spiegelte sich eine flehende Sehnsucht, als würde er dort oben die Erlösung seiner Seele vermuten.



Ausschnitt 2:

Der Herbst kam und tauchte das Laub in solch glühendes Rot, dass die Welt zu brennen schien.
An einem Sonntagnachmittag fuhr ich mit Kevin wieder einmal zu den Weizenfeldern am Rande der Stadt, wo wir schon so viele tiefgründige Gespräche geführt hatten.
„Gefühle sind der Antrieb unserer Seele“, sagte mein Freund an jenem Tag. „Ohne sie würde das Leben in sich zusammenfallen wie ein maroder Turm.“ Er sah mich erwartungsvoll an. „Welches Gefühl hältst du für das Höchste von allen?“
Ich senkte den Blick und zuckte mit den Schultern. Kevin grinste, da ich errötete. „Warum sprichst du sie nicht einfach an, Daniel?“
Er suchte Augenkontakt, um in meine Innenwelt vorzudringen. Doch ich wich seinem Blick aus und starrte in die Ferne. „Wen meinst du denn?“, fragte ich betreten.
Kevin prustete. „Hör schon auf, du bist total in sie verknallt! Seit Monaten bekommst du kaum noch etwas vom Unterricht mit, weil du sie den ganzen Tag mit verträumtem Blick anstarrst.“
Ich spürte, dass mir noch mehr heißes Blut ins Gesicht schoss. „Keine Ahnung, wovon du redest! Ich interessiere mich überhaupt nicht für Nadine. Sie ist …“
Ich verstummte, als mir bewusst wurde, dass Kevin ihren Namen gar nicht genannt hatte. Mein Freund warf den Kopf in den Nacken und lachte herzhaft. Er wusste genau, was in mir vorging, so wie ich es immer von ihm gewusst hatte.
„Ich kann sie nicht ansprechen“, sagte ich so leise, dass meine Stimme kaum das Seufzen des Windes übertönte. Trotzdem verstand Kevin jedes Wort.
„Vielleicht empfindet sie für dich genauso viel wie du für sie“, meinte er. „Stell dir vor, ihr könntet das glücklichste Paar an unserer Schule sein. Aber es scheitert daran, dass ihr euch nicht traut, aufeinander zuzugehen. Was hast du zu verlieren?“
Meine Wangen glühten. „Ich … kann das einfach nicht, okay?“
Zum ersten Mal erwiderte ich Kevins Blick. Sofort drang er in meine Gedanken und erkannte die Angst, die mich lähmte. Kevin kniete hinter mir nieder und verdeckte mit beiden Händen meine Augen. Ein sonderbares Kribbeln erwachte in mir, wie leichte Elektrizität. Und dann hörte ich seine Stimme … nicht mit den Ohren, sondern tief im Herzen.
Stell dir vor, du gehst immer nur den einfachen Weg. Das Leben klopft ans Tor, doch aus Angst öffnest du nicht.
In Gedanken sah ich das Bild eines grünen Holztors, vor das sich wie von Geisterhand ein schwerer Balken legte.  
So vergehen Wochen, Monate und Jahre, die niemals wiederkehren.
Die grüne Farbe blätterte vom Tor ab, das Holz wurde rissig und war bald ganz von Spinnweben überdeckt.
Nach Jahrzehnten blickst du in den Spiegel und entdeckst dort ein greises Gesicht. Die Haut ist schlaff und runzlig, die Augen sind müde und leer. Erschrocken siehst du näher hin und erkennst, dass du der Mann im Spiegel bist. 
Ein großer Spiegel erschien vor mir. In seinem Widerschein sah ich das Gesicht eines Greises, in dem ich meine eigenen Züge erkannte: die etwas zu spitze Nase, die leicht abstehenden Ohren, der schmale Mund. Die Haut hing herab, die Tränensäcke waren geschwollen und die Augen ohne Gefühl und Erinnerungen. Mir war zum Weinen zumute.
Kurz bevor dein Herz versagt, zerschlägst du den Riegel und öffnest das Tor zum Leben. Auf der anderen Seite erblickst du einen weiten, goldenen Strand und ein blaues Meer, das am Horizont mit dem Himmel verschmilzt. Möwen kreisen über den rauschenden Wellen, und ein roter Sonnenuntergang taucht die Welt in glühendes Licht. Doch der Strand ist menschenleer und ohne Fußspuren; dein Leben ist ganz unberührt.
Der Ort, den ich in meinen Gedanken erblickte, war von überwältigender Schönheit. Doch mein Herz war schwach, und meine Sinne waren stumpf; meine Zeit war fast vorüber. An meinem faltigen Gesicht liefen Tränen hinab. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als in meine Jugendjahre zurückzukehren und den Balken vom Tor des Lebens zu reißen. Ich wollte lieben und lachen, weinen und trauern, wollte die Gesamtheit aller menschlichen Gefühle in meine Seele saugen, ehe es zu spät war.
„Sieh hin“, sagte Kevin.

Er nahm die Hände von meinen Augen, und die Verbindung zwischen uns erlosch. Zaghaft sah ich an mir herab und lachte, als ich meine glatte Haut erblickte. Bei allem Glück dieser Erde, ich war wieder jung und hatte mein ganzes Leben noch vor mir. Ich konnte das Tor öffnen und zu jenem weiten Strand hinausrennen; ich fühlte mich wie neugeboren und mit einer zweiten Chance gesegnet. Erstaunt drehte ich mich zu Kevin um und fiel ihm dankbar um den Hals. Ich wusste nicht, was mein Freund getan hatte und wie er es getan hatte. Ich wusste nur, er hatte in mir den Mut zum Leben erweckt.


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Liebe Grüße

Simon